Arbeiten wie einst im Mittelalter

Kieler Nachrichten, 08. August 2011

"Bodendieks Gesinde" zeigte Besuchern im Freilichtmuseum Molfsee die Kunst des alten Handwerks

Zurück ins Mittelalter ging die Reise für die Besucher des Freilichtmuseums gestern am historischen Pfarrhaus aus Grube. Dort hatten die Mittelalterdarsteller von "Bodendieks Gesinde" für einen Tag ihr Lager aufgeschlagen und demonstrierten mittelalterliche Handwerkstechniken. Mit Katze, Hund und Handwerkszeug reiste die zehnköpfige Gruppe an, die sonst auf dem Gelände der Turmhügelburg bei Lütjenburg aktiv ist. Interessiert schauten die Museumsbesucher dem Gesinde bei der Arbeit über die Schulter.
Beim reinen Zuschauen blieb es jedoch in vielen Fällen nicht. Während sich Kinder und Männer besonders für die Tischlerarbeit am Ziehpferd begeisterten und sich selbst darin versuchten, bis die Späne flogen, besaß für die Besucherinnen das sogenannte Nadelbinding, eine Knotentechnik, die dem Häkeln ähnelt, große Anziehungskraft. Der besondere Reiz an der Technik: Gerade einmal eine Nadel wird zur Sockenherstellung benötigt. "Außerdem ribbelt die Socke nicht auf, wenn ein Loch hineinkommt", erklärte Mittelalter-Darstellerin Christiane Schröder. Die Kielerin Elke Thurow war froh, die Technik im Museum unter Anleitung ausprobieren zu können: "Ich habe das Nadelbinding erstmals in Haitabu gesehen und später versucht, es anhand einer Anleitung aus dem Internet nachzumachen - ohne großen Erfolg. Nun weiß ich, wie es funktioniert. Es ist zum Sockenherstellen viel einfacher als Stricken."
Viele Zuschauer hatte auch Lisette Mann beim Kammweben. Aus dünnen Seidenfäden wob sie ein schmales Band mit filigranem Muster für die Beinwickel ihres Mannes. "Das Herstellen eines solchen Bandes ist extrem aufwendig. Es erfordert viel Konzentration. Pro Tag schaffe ich mit dem dünnen Faden gerade einmal wenige Zentimeter", informierte sie. Schneller ginge das Weben von Gürteln aus groberem Garn.
Ein wichtiger Mann in der Gruppe ist Silvio Vass, auch der "Jaegoor" genannt. Er liefert den Mägden die entsprechenden Arbeitswerkzeuge. Aus Knochen, Horn und Elfenbein stellt er Nadeln, Kämme und Webutensilien her. Ebenfalls eine zeitaufwendige Arbeit: Zwei bis drei Stunden benötigt Vass für das Zurechtfeilen einer Nadel. "Handwerkliches Feingeschick und viel Wissen über die Verarbeitung der verschiedenen Materialien sind Voraussetzung für das Nadelmachen", erklärte er. Knochen könnte man vor der Verarbeitung zum Beispiel kochen oder in der Sonne trocknen, je nach Verwendungszweck. Wie gut es sich mit den selbst hergestellten Nadeln nähen lässt, bewies seine Sitznachbarin, die per Hand ein mittelalterliches Oberkleid nähte.
"Wir freuen uns auf viele interessierte Fragen vom Molfseer Museumspublikum", hatte Mittelalter-Darsteller Torsten Mann zu Beginn der Aktion im Freilichtmuseum gesagt. Lange brauchte "Bodendieks Gesinde" nicht, auf Fragen zu warten. Zahlreiche Besucher scharten sich um die Gruppe, tauschten mit den Mägden Handarbeitstipps aus und versuchten sich selbst in den mittelalterlichen Arbeitstechniken. "Es ist interessant, was die Menschen früher mit einfachen Mitteln alles erschaffen haben", brachte eine Besucherin aus Dänischenhagen es auf den Punkt.